Freitag, 1. Januar 2021

Michael K. Iwoleit zu Nova (Interview)

Michael Schmidt: Lieber Michael, die meisten Leser meines Blogs werden dich wohl kennen. Stell dich trotzdem mal vor!

Michael Iwoleit: Gern. Ich wurde 1962 in Düsseldorf geboren und lebe seit 2004 in Wuppertal. Nach Abitur und einer Ausbildung zum biologisch-technischen Assistenten habe ich einige Semester Philosophie und Germanistik studiert, zwei Jahre am Botanischen Institut der Heinrich Heine Universität gearbeitet und bin seit 1989 freiberuflicher Autor, Übersetzer, Kritiker und Herausgeber hauptsächlich im Bereich Science Fiction und Phantastik, war nebenbei auch als Texter für Werbung und IT-Industrie tätig. Schwerpunkte meiner Arbeit sind, obwohl ich auch einige Romane veröffentlicht habe, Kurzgeschichten und Novellen, außerdem kritische Essays zur Science Fiction und meine Herausgeberschaft von Nova. Ich habe für meine Erzählungen insgesamt fünfmal den Deutschen Science Fiction Preis und zweimal den Kurd Laßwitz Preis gewonnen, außerdem 2000 gemeinsam mit Horst Pukallus den KLP für die beste Übersetzung sowie den KLP Sonderpreis 2019, zusammen mit meinen Mitherausgebern, für die langjährige Herausgabe von Nova.

Michael Schmidt: Du bist der letzte Verbliebene der drei, die NOVA aus der Wiege gehoben haben. Aktuell steht die Ausgabe 30 an. Wer ist alles aktuell im Redaktionsteam vertreten und wie ist die Arbeitsteilung zwischen euch?

Michael Iwoleit: Seit dem Ausscheiden von Ronald M. Hahn betreue ich die Story-Rubrik, und dabei ist es auch noch dem Wechsel zu p.machinery  und dem Aufbau einer neuen Redaktionsmannschaft geblieben. Verleger Michael Haitel steht mir als Mitherausgeber zur Seite und ist vor allem für Produktion, Vertrieb und Buchhaltung zuständig. Christian Steinbacher, den ich noch von gemeinsamen Fandomzeiten in der umtriebigen SFCD-Regionalgruppe Niederrhein kenne, hat vor zwei Jahren, nachdem er die SF aufgrund familiärer Verpflichtungen lange Zeit nur passiv verfolgen konnte, seine Hilfe angeboten und ist seitdem Graphikredakteur. Unterstützt werden wir außerdem von zwei Herren, die ich zunächst als vielversprechende neue Autoren kennengelernt habe, die sich inzwischen aber zu unverzichtbaren Redaktionsmitgliedern entwickelt haben. Thomas Sieber hat ganz neuen Wind in die lange Zeit stiefmütterlich behandelte Nonfiction-Rubrik gebracht, und Dirk Alt ist zunächst als Korrekturleser eingestiegen, unterstützt mich aber immer mehr inhaltlich. Er hilft mir bei der Auswahl der Stories und hat Spaß daran, in Zusammenarbeit mit den Autoren Stories, die qualitativ auf der Kippe stehen, zur Veröffentlichungsreife zu bringen. Ich bin außerordentlich zufrieden mit dem neuen Redaktionsteam, das ich nach der Trennung von Amrun und dem Ausscheiden meines langjährigen Mitherausgebers Olaf G. Hilscher aufbauen musste. Die Zusammenarbeit läuft reibungslos, und Nova wird so zügig produziert wie schon lange nicht mehr.


Michael Schmidt: Nova 30 ist ein weiteres Jubiläum von NOVA. Auf was darf sich der geneigte Leser freuen?

Michael Iwoleit: Traditionell betrachten wir jede zehnte Ausgabe als ein kleines Jubiläum, das wir mit etwas Besonderem feiern, und so soll es auch diesmal sein. Zunächst einmal enthält die Ausgabe neue Stories von Karsten Kruschel, Horst Pukallus, Norbert Stöbe, Markus Müller, Tom Turtschi, Wolf Welling, Thomas Sieber, Michael Schmidt und Uwe Post sowie einen Klassiker-Nachdruck von Jack Vance in Neuübersetzung. Die Idee für Nova 30 bestand darin, unseren Lesern einmal einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen, und so haben wir die Autoren gebeten, in einem Werkstattbericht zu erläutern, was sie zu ihrer Geschichte motiviert hat. Der Sekundärteil enthält neben einem Artikel über Jack Vance zahlreiche Statements prominenter Vertreter der deutschen SF-Szene, die sich zum Jubiläum von Nova äußern.




Michael Schmidt: Wie oben geschrieben bist du die einzige Konstante bei Nova. Wie fing damals alles an?

Michael Iwoleit: In meinem eigenen Statement in Nova 30 habe ich die mittlerweile 18-jährige Geschichte von Nova rekapituliert und erwähnt, dass drei wesentliche Voraussetzungen zur Gründung von Nova geführt haben: das Ende der großen internationalen SF-Anthologien bei Heyne, womit ein wesentlicher Markt auch für deutsche SF-Storyautoren wegfiel; das Aufkommen von Desktop Publishing und Book-on-Demand-Produktion, was eine wesentliche Vereinfachung und Kostensenkung für verlegerische Eigeninitiative bedeutete; und nicht zuletzt die Szene-Rückkehr von Helmuth Mommers, der sich mit großem Eifer daran machte, die deutsche SF-Story zu fördern. Um aus meinem Statement zu zitieren: "Ronald M. Hahn hatte bereits erste Versuche mit Book-on-Demand-Produktionen unternommen, als ich darüber nachgrübelte, wie sich ein Story-Magazin für deutsche SF-Autoren auf die Beine stellen lassen könnte. (...) Zu der Zeit, als ich Helmuth kennen lernte, trug er sich mit Plänen, eine jährliche SF-Anthologiereihe für deutsche SF-Autoren herauszubringen. Ronald Hahn und ich trafen uns mit ihm auf dem Colonia-Con 2002, um herauszufinden, ob sich unsere Ideen für ein deutsches SF-Storymagazin und seine Pläne unter einen Hut bringen ließen. Wir wurden uns einig, machten uns an die Arbeit, und noch vor Ende des Jahre erschien Nova 1. Helmuth stellte die Startfinanzierung zur Verfügung, and the rest is history." 



Michael Schmidt: NOVA hat ja eine wechselhafte Geschichte. Mit Band 20 hat man die Ausgabe an den Bahnhofsbuchhandlungen finden können. Wie kam es dazu und warum ist das gescheitert?

Michael Iwoleit: Wenn ich mich recht entsinne, ist seinerzeit ein Zeitschriftenvertrieb mit dem Angebot, Nova über den Bahnhofsbuchhandel zu vertreiben, an Olaf Hilscher herangetreten. Die drei damaligen Herausgeber - Frank Hebben, Olaf Hilscher und ich - habe die Sache intern diskutiert, und Olaf und ich waren wagemutig genug, das Risiko einzugehen, in der Hoffnung, mit Nova endlich ein größeres Publikum zu erreichen. Leider waren die Käufe so unzureichend, dass die Umsätze die erhöhten Druckkosten nicht gedeckt haben, und so musste das Experiment nach zwei Ausgaben unter erheblichen finanziellen Verlusten abgebrochen werden. Wäre Jürgen Eglseer damals nicht mit Amrûn als neuer Verlag eingesprungen, würde Nova heute vermutlich nicht mehr existieren. 


Michael Schmidt: Für ein paar Ausgaben, die letzte war NOVA 25, hat Amrûn euch verlegt. Seit Band 26 ist NOVA bei pmachinery. Wie kam es dazu?

Michael Iwoleit: Es gab Differenzen mit Amrûn, die ich an dieser Stelle nicht ausbreiten möchte, und als Olaf Hilscher überdies wegen beruflicher und privater Veränderungen als Mitherausgeber aussteigen musste, stand ich mit dem Magazin unversehens allein da. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits einen guten Draht zu Michael Haitel, und habe ihn kurzerhand gefragt, ob er Interesse hätte, Nova bei p.machinery herauszubringen. Er ließ sich nicht lang überreden, wir machten uns umgehend an die Arbeit, und ich bin überaus zufrieden, wie sich Nova seitdem entwickelt hat. 


Michael Schmidt: 30 Ausgaben sind eine Menge. Wenn ich mich richtig erinnere, erschien die erste Nummer 2002. Hast du eine Lieblingsausgabe und welche Geschichten aus den 18 Jahren sind dir besonders im Gedächtnis haften geblieben?

Michael Iwoleit: Wir hatten eine ganze Reihe starker Ausgaben (natürlich auch so manche schwächere), deshalb fällt es mir schwer, eine bestimmte hervorzuheben. Ein Highlight aus meiner Sicht war die Jubiläumsausgabe Nova 20, weil darin einige der prominentesten und besten deutschen SF-Autoren (u.a. Michael Marrak) mit starken Geschichten vertreten waren. Sehr gelungen, finde ich, war auch Nova 27, eine Themenausgabe über Utopien und positive Zukunftsbilder, mit einigen ausgezeichneten Stories, insbesondere von Frank Haubold und Dirk Alt.

Wenn ich Stories für Nova lese, schreibe ich zu jeder einen kurzen Kommentar und vergebe eine Wertung, die von einem Minus (indiskutabel) bis zu sechs Sternen (herausragend) reicht. In meiner Zeit als Story-Redakteur habe ich nur dreimal sechs Sterne vergeben, für Karsten Kruschels "Teufels Obliegenheiten", Thomas Siebers "Enola in Ewigkeit" und "Die Orgon-Ära" des Kroaten Aleksandar Ziljal. Nachhaltig in Erinnerung geblieben sind mir auch Sven Klöppings "Unser täglich Brot" in Nova 4 und unsere allererste Gaststory, "Der Andere in meinem Kopf" des Australiers Greg Egan. Angesichts der ausgezeichneten Stories, die z.B. Frank Haubold, Guido Seifert oder Frank Hebben beigetragen haben, ist eine solch begrenzte Auswahl aber etwas ungerecht.


Michael Schmidt: NOVA erscheint ja mehr oder minder regelmäßig. Wie weit im Voraus seid ihr schon die Ausgaben am Vorbereiten?

Michael Iwoleit: Es hängt immer davon ab, wie viele Stories wir angeboten bekommen und wie hoch der Anteil brauchbarer Geschichten ist. Beides ist in letzter Zeit angestiegen. Für die Ausgaben ab Nova 31 habe ich zur Zeit rund zwanzig Geschichten im Pool, und mir liegen schon wieder ein Dutzend neuer Angebote vor, die ich gemeinsam mit Dirk Alt im Januar lesen werde. Wenn auch da lesenswertes Material dabei ist, brauchen  wir uns um die nächsten drei bis vier Ausgaben qualitativ keine Sorgen zu machen. Herausragende Geschichten, wie ich sie mir im Idealfall für Nova wünsche, sind natürlich immer eine Seltenheit.


Michael Schmidt: Viele Geschichten aus Nova wurden für de DSFP und KLP nominiert und gewannen ihn auch. Bist du da stolz drauf und wie siehst du generell die deutschsprachige SF Kurzgeschichtenszene im Allgemeinen und NOVA im speziellen?

Michael Iwoleit: Für "Das Science Fiction Jahr" habe ich ja schon einige Jahresrückblicke auf die deutsche SF-Story-Szene geschrieben und werde für 2020 wieder einen verfassen. Mein Befund hat sich nicht grundsätzlich geändert: Es wird zuviel publiziert, insbesondere von Herausgebern mit geringen Qualitätsanprüchen, und es gibt nur vergleichsweise wenige Autoren, die Geschichten von handwerklich solider bis literarisch gediegener Qualität schreiben können. Angesichts der begrenzten Ressourcen der Szene kann auch die Nova-Redaktion nicht den Anspruch erheben, ein Weltklasse-Literaturmagazin zu produzieren. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben, und das Beste daraus machen. Innerhalb dieser Grenzen glaube ich aber, dass wir dazu beigetragen haben, literarische und produktionstechnische Maßstäbe zu setzen, an denen sich andere orientieren können. Dabei sei natürlich auch nicht die Leistung der Kollegen von Exodus und von qualitätsbewussten Anthologie-Herausgebern wie  Skora, Rößler und Hebben vergessen.

Michael Schmidt: Wann erscheint mal wieder eine Geschichte von dir in NOVA?

Michael Iwoleit: Ich schreibe gerade meine erste längere Erzählung auf Englisch, an die ich hohe Ansprüche habe und die mich deshalb noch eine Weile beschäftigen wird. Wenn ich sie hoffentlich rechtzeitig fertigstelle, werde ich eine deutsche Fassung anfertigen, die bereits für Nova 31 vorgesehen ist. Allerdings muss sie dann auch noch die Zustimmung meiner Mitredakteure finden. Um Selbstprotegierung zu vermeiden, haben wir bei Nova das Prinzip eingeführt, dass ein Redakteur, der einen eigenen Text publizieren will, den anderen Redakteuren ein Veto-Recht einräumt. Interne Angebote werden genauso behandelt und bewertet wie externe.


Michael Schmidt: Noch ein Wort an eure Leser!

Michael Iwoleit: Ich hoffe einfach, dass die Leser unserem Magazin auch in Zukunft treu bleiben und dass es uns weiterhin gelingen wird, ein ansprechendes Magazin mit lesenswerten Geschichten neuer und etablierter Autoren zu publizieren. Wenn die deutsche SF insgesamt durch unseren Einfluss etwas besser wird, wäre das ein zusätzlicher Gewinn.


Bücher von Michael Iwoleit:

Psyhack

Der Moloch

Die letzten Tage der Ewigkeit (Storysammlung)

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