Uriel

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Uriel (aus Genpest und Teutonic Future)

Uriel entstand auf Grund einer Ausschreibung des Verlages Edition Ponte Novu, der heute natürlich nicht mehr existiert, und erschien im Juni 2003.
Eine erweiterte Version, die irgendwann mal fortgeschrieben werden sollte, erschien als Ad Astra 81 bei Hary Production.
Als ich später meine erschienen Science Fiction Geschichten in Teutonic Future sammelte, war die kurze und abgeschlossene Version von Uriel dort natürlich auch enthalten.


Leseprobe:


Meine Lider heben sich und geben den Blick frei. Im ersten Moment will ich sie wieder schließen, die Helligkeit ist fast unerträglich, doch bezwinge ich den Reflex und stelle mich der Farbexplosion. Meine Netzhaut passt sich den Gegebenheiten an, filtert die aufkeimenden Blindflecken. 
Weniger als eine Minute ist vergangen, mein Blick ist klar. Ich liege auf einem Bett. Drei breite, widerstandsfähige Riemen fesseln mich daran. Ich spanne leicht die Muskeln an, um ihre Festigkeit zu prüfen. Das Ergebnis befriedigt meine Erwartungen. Sie werden mich nicht aufhalten können. 
Um mich herum ein Gewirr von Schläuchen und Apparaturen. Ihre Funktion ist mir bewusst. Der weiß bekittelte Mann direkt vor mir ist Professor Arnheim, drei Assistenten flankieren ihn.
Moment! Woher weiß ich das alles?
Nach meinem subjektiven Empfinden ist mein Wissen immens, ich könnte stundenlang über Arnheims Biografie und den Inhalt des Zimmers referieren. Meine Augen zoomen und erkennen eine Narbenstruktur an Arnheims Hals. Luftröhrenoperation, mäßig durchgeführt. Er hat braunen Augen und eine Nickelbrille, drei Dioptrien, das erkenne ich an dem Schliff der Gläser. Seine Augen verharren selten auf einer Stelle, ein untrügliches Zeichen seiner Nervosität. 
Gefühle!
Ich weiß von ihnen, kann sie aber nicht praktisch nachvollziehen. Mein Erinnerungsspeicher zeigt ihr Vorhandensein und ihre Auswirkungen. Mehr nicht.
Ich bin leer!
Keinerlei Vergangenheit. Keinerlei Persönlichkeit. Ich korrigiere: Erinnerungsspeicher ist das falsche Wort. Bei Menschen nennt man es Gedächtnis. 
Ich bin ein Mensch. Die Erkenntnis ist da. Trotzdem spüre ich weder Angst noch Aufregung, nicht einmal Neugier. Das müsste aber da sein. Ein Widerspruch an sich. Ich bewege mich im Nirwana zwischen Maschine und Lebewesen. Bin ich nun ein Mensch oder nicht?
”Hallo, Professor Arnheim. Bin ich ein Mensch?”
Meine Frage löst Aufregung aus. Einem der Assistenten fällt eine Spritze herunter. Seine Hand zittert, seine Augen flackern vor Angst.
Arnheim zieht hörbar die Luft ein. Sein Mundwinkel zuckt. Dann hat er sich wieder unter Kontrolle.
”Wir hoffen es. Rein biologisch sind Sie es. Doch es gibt Unterschiede. Ihre Frage verweigert sich einer pauschalen Antwort. Aus welcher Sicht soll ich diese Frage beantworten? Philosophisch, theologisch oder streng nach den Gesetzen der Naturwissenschaft?”
Mein Gehirn arbeitet einwandfrei, logisch und emotionslos. Ich spüre die Wärme in mir, die Druckempfindlichkeit meiner Haut, die Notwendigkeit, zu atmen. Ich bin natürlich, wenn auch nicht natürlichen Ursprungs. Ein Klon. Das Wissen in mir lässt keinen anderen Schluss zu. Doch das absolute Fehlen von Gefühlen stellt diesen Sachverhalt in Frage. Es gibt nur einen Weg, dies herauszubekommen.
”Klären Sie mich über meine Person auf. Worin liegt der Unterschied zu meinen Vorgängern? Und warum fehlt mir das Wissen über meine Person?”
Das verräterische Aufblitzen in seinen Augen lässt mich handeln. Ich zentriere meine Muskelkraft an den richtigen Stellen und zerreiße die Bänder. Endlich kann ich mich frei bewegen, die Spritze des Assistenten zerquetsche ich in seiner Hand, eher er nur blinzelt. Ich packe Arnheim am Kragen und werfe ihn den beiden heranstürmenden Assistenten entgegen. Dann begebe ich mich zum Fenster und zerschlage die Scheibe. Das widerstandsfähige Material erfordert zwei Anläufe, dann ist es vollbracht. 
Ich springe aus dem Fenster, ein Salto vorwärts, und lande vier Meter tiefer auf dem Boden. Ein Blick in die Runde zeigt schweres Gerät. Entweder führt Arnheim Krieg oder er schätzt mich gefährlicher ein, als ich erwarte. 
Ich konzentriere mich auf die Situation und verschwinde im nahe gelegenen Wald. Im Moment habe ich Wichtigeres zu tun, als mich mit potentiellen Verfolgern auseinander zu setzen. 


Erhältlich bei 

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zwielicht – Das deutsche Horrormagazin

Zwielicht 20