Samstag, 25. April 2020

Maria

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:

Maria (aus Creatures, Teutonic Horror, Zwielicht Classic 3 und Wolfsbrut)


Leseprobe:

Alltag, die ganze Woche.

Die Tage verrinnen, verwischen in einem Grau, ohne jeglichen Höhepunkt. Keine Höhen, keine Tiefen, ein unbefriedigendes Mittelmaß der Dinge. Wie lange dauert dieser Zustand schon an?
Eindeutig zu lange!
Ich fühle mich bar jeden Gefühls, eher einer Maschine gleich als einem lebendigen Wesen. Kennen Sie dieses Gefühl? Diesen Zustand des Nichtseins?
Es gibt keinen Schmerz, aber auch keine Freude. Wie das monotone Rauschen des Radios, dessen Empfang keinen Sender findet.
Warum lebe ich überhaupt? Ist meine Anwesenheit auf der Welt nicht überflüssig? Würde mich denn jemand vermissen? Würde es überhaupt jemandem auffallen wenn ich nicht mehr da wäre?
Es ist ein Leben wie in Watte, gedämpft wie bei starkem Nebel, undeutlich, irreal. Als hätte sich ein Riss zu einer anderen Welt aufgetan, deren Farben blasser, deren Geräusche dumpfer sind. Das Fehlen jeglicher Intensität.
Fühle ich überhaupt noch? Kein Kribbeln im Bauch, keine zitternden Knie, kein wild und laut pochendes Herz. Die totale Verweigerung der Hormone, ein Nichtvorhandensein von Adrenalin. Es ist unerträglich.
Ich reiße das Fenster auf. Sofort zieht ein Schwall kalter Luft in das Zimmer und vertreibt den schalen, abgestandenen Mief. Ich inhaliere den Sauerstoff. Die frische Luft weckt meine müden Lebensgeister. Gänsehaut überzieht meine nackten Arme. Die kalte Luft brennt in meinen Atemwegen, gibt mir aber das Gefühl von Realität zurück. Mein Herzschlag erhöht sich, während meine Brustwarzen sich verhärten und steif werden.
Ich zünde mir eine Zigarette an, inhaliere den Rauch, lang und tief. Meine Lungen füllen sich mit dem giftigen Dunst, dann presse ich den Rauch wieder aus ihnen heraus.
Vor mir liegt ein kleiner Wald, unberührt von der Zivilisation,
wenn man von dem Haus, in dem ich lebe, einmal absieht. Der Wald umschließt das Haus, nur eine schmale Straße führt zu bewohnten Gebieten. Die Bäume stöhnen unter der Last der weißen Pracht, die in der Nacht vom Himmel fiel. Auch der Schnee dämpft die wenigen Geräusche, die von den Bewohnern des Waldes verursacht werden.
Ich schließe das Fenster, drücke die Zigarette im Aschenbecher aus und gehe ins Bad. Das eiskalte Wasser weckt den Rest der schlafenden Lebensgeister in mir. Ich werfe einen kritischen Blick in den Spiegel. Das wirr um den Kopf stehende Haar zeigt die ersten grauen Stellen. Meine blauen Augen liegen tief in ihren Höhlen, zeigen eine Erschöpfung, die nicht von körperlicher Anstrengung her rührt. Die Wangen meines schmalen Gesichts sind eingefallen und bleich, ein wenig mehr frische Luft und Bewegung würde mir gut tun.
Doch ich meide die Nähe von anderen Lebewesen, unabhängig davon, ob es sich um einen Mensch oder ein Tier handelt. Nur wenn mich der innere Drang überwältigt, weiche ich von dieser Verhaltensweise ab. Wenn der Alltag endet und das wahre Leben in mich zurückkehrt. Dann verändert sich alles.
Wie gestern Nacht.

Es ist soweit. Schon seit Tagen hatte ich die innere Unruhe in mir verspürt. Die dumpfe Routine fällt von mir ab wie eine reife Frucht. Die Eindrücke intensivieren sich. Ich hielt es zuletzt kaum noch in meinem Haus aus. Der abgestandene Geruch von Essen und kaltem Tabakrauch quälte mich, trieb mich förmlich zum Wahnsinn.
Jetzt ist es dunkel. Die Sonne hat sich vor wenigen Minuten verabschiedet. Ich verlasse das Haus. Weit entfernt nehme ich den Ruf einer Eule wahr, lausche weiter in die Dunkelheit, doch die Antwort bleibt aus. Es ist kalt, trotz meines Felles. Genau nach meinem Geschmack.
Ich werfe die Läufe nach vorne, überlasse meinen Körper vollständig dem Instinkt.
Ich wittere das Kleingetier bevor meine Augen sie erfassen, doch mir steht nicht der Sinn nach ihnen. Ich jage weiter durch die magische Nacht, das helle Licht des Vollmondes gibt mir Kraft. Ich stoppe, verharre und huldige ihm mit meinem melodischen Gesang.
Meine Nase spürt etwas. Ich wittere, bestimme die Richtung. Ich setze meine Muskeln ein, jage durch die Nacht. Das Reh wittert mich ebenfalls, doch seine Reaktion kommt viel zu spät. Ohne Erbarmen grabe ich meine spitzen Zähne in seine Flanken, stoße es zu Boden, lasse es aber unmittelbar danach wieder frei.
Der Blutgeruch macht mich schier wahnsinnig. Tief sauge ich die Angst des wehrlosen Wesens in mich auf. Ah, welch ein Genuss. Ich verfolge das Tier weiter, grabe hier und dort meine scharfen Zähne in sein weiches Fleisch und weide mich an seiner Qual.
Urplötzlich habe ich genug von dem Spiel. Der Blutdurst übernimmt die Kontrolle, fegt den letzten Rest von Verstand davon. Ich zerfetze ihm den Nacken und lasse sein Genick zerbersten. Das Leben fließt aus der Kreatur und ich labe mich daran. Ich reiße Stücke des dampfenden Fleisches und schlucke sie unzerkaut herunter, so gewaltig ist meine Gier. Erst nachdem ich meinen größten Hunger gestillt habe, werde ich geduldiger und zelebriere den Rest des Mahles.
Die Kraft des Rehs pulsiert durch meine Adern. Ich huldige dem Mond und erbebe in Vorfreude auf weitere Erlebnisse in dieser speziellen Nacht. In schnellen und weiten Sprüngen durchquere ich den Wald, eins mit der Natur, berauscht von Blut und Mond. Immer mehr nähere ich mich der Siedlung der Menschen und mein Drang zu töten wird immer stärker, immer unkontrollierbarer.
Ein einzelnes Haus steht abseits von den anderen. In vollem Lauf durchbreche ich das Fenster bevor ich den Gedanken auch nur gedacht habe. Mein Geruchssinn hat mich richtig geleitet, ich lande im Schlaf­zimmer. Die beiden Menschen liegen nackt übereinander, die in der Luft liegende Hitze raubt mir den letzten Verstand. Beide schauen mich aus entsetzten Augen an.
Sie ahnen, was ihnen bevorsteht, doch es nützt ihnen nichts mehr.
Ich werfe mich gegen die oben liegende Frau, stoße sie aus dem Bett. Ihre Seite ist von blutigen Striemen entstellt als sie schreiend zu Boden geht. Des Mannes Geschlecht ragt steif nach oben, doch seine Erregung wird ein abruptes Ende nehmen. Ein Biss zerfetzt seine Kehle, ich trinke sein Blut, während die Krallen meiner Vorderpfoten seinen Leib öffnen. Ein weiterer Biss und sein noch heiß pulsierendes Herz wird zu delikaten Mahlzeit.
Dann wende ich mich von ihm ab, seinem schreienden Weib zu. Ihre nackten Brüste werden von einem Schauer der Angst überzogen. Sie kauert am Boden, die Hände vor Brust und Scham verschränkt, als ob ihre Nacktheit eine tiefere Bedeutung hätte. Für mich nicht. Langsam nähere ich mich ihr, koste dabei ihre Verzweiflung und ihre Angst aus, spüre die heftige Zirkulation ihres Blutes. Sie versucht wegzukriechen, dabei zuckt ihr Mund unkontrolliert. Sabber fließt ihre Mundwinkel herunter.
Ich beende das Schauspiel mit ein paar kräftigen Hieben. Ihre Schönheit ist fortan Vergangenheit. Die beiden Körper liegen reglos in dem Zimmer und zeugen von meinem Tun. Der erregende Duft von Blut und Angst erfüllt das Zimmer. Ich sauge die Emotionen auf, das Gefühl der Lebendigkeit bekommt eine Intensität, die fast schmerzhafte Formen annimmt.
Dann verlasse ich den Ort und renne weiter mit dem Vollmond. Nicht mehr lange und ich muss zurückkehren, ich spüre das Tier schon schwächer werden.

Erstveröffentlichung: März 2008

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