Samstag, 9. Mai 2020

Benzin im Blut

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Benzin im Blut (Wie jetzt? und Geschichten der Dekadenz)

Benzin im Blut ist meine erste professionelle Veröffentlichung und erschien in einem grauen November 2002 und handelt von der allgegenwärtigen Raserei. 

Benzin im Blut


Monotonie ist die Essenz dieser Beschäftigung. Tagein, tagaus. Alltag in seiner pursten Form. 
Ich bin der Kilometerfresser. Spule Kilometer ab, wie andere durch das Fernsehprogramm zappen. 
Weiter und weiter und weiter. 
Gibt es einen Sinn in dieser Beschäftigung? Geboren zur Mobilität, den Rausch des Betons im Blut? 
Adrenalin wird ersetzt durch die Göttin der Beschleunigung. Der Gang-wechsel bestimmt die Höhepunkte des Tages. 
Brumm! Brumm! Ich bin der König der Straße. Ich mache die Regeln. 
Alle anderen sind dumm. Raser und Kriecher. Freie Fahrt für freie Arschlöcher. 
Wer kennt nicht den Frust, den diese begriffsstutzigen Mitbenutzer der Straße in mir hervorrufen. Diese Ignoranten, kein Gefühl für das Aben-teuer der Gegenwart, morgens auf der A3. 
Pendler und Reisende, gestresst , kein Gefühl für Motorenstärke, für das Dröhnen der PS. 
Keine Cowboys der Neuzeit, nur Benutzer einer nicht verstandenen Stär-ke. 
Sicherheitssysteme und Sparsamkeit. 
Gibt es denn keine richtigen Männer mehr? 
Gleichberechtigung, diese Schwulenanwärter trocknen ab und wickeln Kinder. Sind wir denn so dekadent? 

Typisch Frau. Noch etwas langsamer und sie steht, will aber unbedingt auf die mittlere Spur. Rechts freihalten, damit die Lkws überholen kön-nen. 
Ich rausche vorbei. 
Was macht der blöde Opel auf der Überholspur. Ohne Power ewig links. Der schafft doch nicht mal zweihundert Sachen. Geb’ ihm Licht-hupe und zeig ihm den Vogel. Bestimmt so ein Öko, verkappter Kom-munist. 
Kennt der nicht das Rechtsfahrgebot. Elender Kriecher. 
Von hinten kommt ein 911er angeflogen. Geile Kiste. 
Platz mach ich trotzdem nicht. Bin doch schnell genug. 
Jetzt eine Lücke. Rüber auf die Mittelspur, will den Wagen ja mal von hinten sehen. Nicht übel. 
Autobahn ist voll, das macht Spaß. 
Links, rechts, ich überhole überall. 
Die Hinweisschilder beachte ich selten. Meistens zu schnell, um sie genau registrieren zu können. Meine Sehkraft hat mit den Jahren auch nachge-lassen. Aber was wichtig ist, sehe ich schon aus weiter Entfernung. 
Blitzanlagen zum Beispiel. Oder grün-weiße Automobile. Man muss schließlich Prioritäten setzen. 

Der Affe hinter mir geht mir ziemlich auf die Eier. Fährt andauernd hin-ter mir. 
Wenn ich dann Platz mache, kommt er nicht von der Stelle. 
Kann oder will der nicht überholen? Mir reicht es erst mal. 
Fahre raus an die Raste. Trink einen Kaffee und esse etwas. Verweile nur kurz. 
Dann geht es wieder los. 
Der Rausch der Geschwindigkeit. 
Heute fahren sie wieder alle wie die Bekloppten. Ich lass mich von denen nicht irritieren. 
Ich habe meine eigenen Regeln. Nur diese sind richtig. Die anderen Re-geln sind für die ganzen überforderten Fahrer. 
Also für eigentlich alle. Natürlich mit einer Ausnahme. Das bin ich. 
Die Vielfalt der Fahrzeuge fasziniert mich echt. Alle Farben, alle Formen, neue und alte. 
Den dort hinter mir kenn’ ich doch. Der fuhr vorhin schon dauernd hinter mir. 
Jetzt schon wieder. Obwohl ich zwischendurch gerastet habe. 
Ein blauer Vectra. 
Ich glaub, der will ein Rennen mit mir fahren. Im dicksten Berufsverkehr. Wie ich das liebe. 
Endlich eine Herausforderung für mich. 
Ich schlängele mich durch die Autokolonnen. Bremsen, Gas geben, das Steuer herum reißen, mein Blut kommt in Wallung. 
Nur Feinde unterwegs. Sie blenden auf, hämmern verzweifelt auf die Hupe, oder antworten mir in Zeichensprache. 
Nur ausbremsen kann mich keiner. Ich bin schneller. Meine Reaktions-zeit ist kaum messbar. 
Die sechs Zylinder dröhnen. 210 PS werden erweckt und von dem Halbgott hinter dem Steuer auf den Asphalt gebracht. 
Der Vectra lässt nicht locker. 
Ich läute die nächste Runde ein. 
Im letzten Moment wechsele ich zur nächsten Autobahn. Mein Gegner folgt, so ist es gut. 
Die Strecke wird voller. Die Spannung steigt. Das Entsetzen auch. 
Im Rückspiegel sehe ich den Pickel. Auf dem Dach. 
Mein Gegner ist ein Bulle. Eine Streife in Zivil, mit aufgemotztem Motor. 
Jetzt ist es zu spät. 
Ich kenne keine Reue. Es kann nur einen geben. Er oder ich. 
Den verweichlichten Beamten werde ich es zeigen. 
Auf diesen Moment habe ich lange gewartet. 
Der Fight beginnt. Die Entscheidung naht. 

Ich drehe auf. Mein Fahrzeug springt vor wie ein Jaguar. Platz. 
Die Oma im Fiesta ramme ich zur Seite. 
Sie war im Weg. 
Hätte sich an die Regeln halten sollen. Sei nie im falschen Moment am falschen Ort. 
Die S-Klasse drücke ich in die Leitplanke. Das schafft Chaos, das schafft Zeit. 
Massenkarambolage. 
Mist! 
Der Vectra hat es gerade noch geschafft. Der Fight wird besser als er-wartet. 
Er holt auf. Küsst meine Stoßstange. Er hat sich meinen Regeln ange-passt. 
Jetzt zieht er neben mich. Wir kabbeln uns. Er lässt sich nicht beeindru-cken. 
Wir weichen einem Auto aus. Wieder rammen wir uns seitlich. 
Als ich dem nächsten Auto ausweichen will, drückt er mich zur Stand-spur. Ich versuche zu kontern. 
Plötzlich sehe ich vor mir den Lastwagen. 
Er wird riesig. Mächtig. 
Er füllt mein komplettes Gesichtsfeld aus. 
Dann kracht es. 
Die Lichter gehen aus. 

SWR3-Nachrichten: 
”Heute Vormittag verursachte ein Amokfahrer auf der A3 bzw. A66 Richtung Wiesbaden ein Verkehrschaos. Insgesamt gab es 5 Tote und 8 Verletzte. Der Sachschaden beträgt mehrere Millionen Mark. Der Amok-fahrer selbst erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. 
Derzeit wird geprüft, ob die Polizisten, die den Amokfahrer verfolgten, an der Unfallursache mitschuldig ist. Ein Polizeisprecher betonte, dass die Sachlage derzeit untersucht werde und die betroffenen Beamten vor-läufig vom Dienst freigestellt worden sind. 
Und nun zum Wetter...” 

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