Nachtschwärmer

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Nachtschwärmer (aus Schattenseiten und Redundanz)

Im November 2004 erschien mein USA Krimi Nachtschwärmer, ursprünglich als Gemeinschaftsarbeit geplant, dann aber doch als eigenständige Geschichte geschrieben.



Leseprobe:
Der Mann torkelte und verlor das Gleichgewicht. Ein Auto stoppte seinen Fall, mit einem dumpfen Geräusch drückte er eine Delle in den roten Chevrolet.
»Shit!«
Mühsam rappelte er sich auf. Er schwankte wie ein Mast im Wind und versuchte sich zu orientieren.
Vor seinen Augen verschwamm die Umgebung. Die Straßenbeleuchtung und das sanfte Schimmern des Mondes wurden heller und dunkler, immer wieder von grauen Schwaden verdeckt. Es war nicht nur der Nebel, der seine Sicht trübte. Es war der Alkohol, der sein Gesichtfeld einengte. Warum er getrunken hatte?
Zwei Monate harter Arbeit lagen hinter ihm. Während dieser Zeit hatte die Konzentration dem Projekt gegolten. Kein Pokerabend mit seinen Kumpels, kein Kinobesuch am Wochenende, kein NFL-Spiel am Samstagnachmittag. Keine Freundin, so konnte er diese auch nicht vernachlässigen. Zwei harte Monate, die ihn an den Rand der Erschöpfung brachten.
Und der Erfolg gab ihm Recht. Es war geschafft und das Projekt erfolgreich abgeschlossen. Der Kunde hatte schon Nachfolgeprojekte angekündigt. Und er war sicher, dies war sein Durchbruch, in Zukunft würden sie ihn mit Aufträgen bombardieren.
Das musste gefeiert werden. Paul und Nick opferten sich. War das eine Sause. Bier, Schnaps und dann diese Sexbombe. Nick kannte sie und winkte direkt ab. Da war nichts zu machen. Er, John P. Hall, wollte es besser wissen.
Tja, sein Einsatz war hoch, er hatte Sekt auf Sekt investiert und das komplette Repertoire an Charme spielen lassen, das ihm zur Verfügung stand. Aber die Sexbombe hatte sich Paul geschnappt und ihm blieb nichts anderes übrig, als den Misserfolg mit Nick zu begießen. Der fiel am Ende um, wahrscheinlich lag er jetzt noch schnarchend unter dem Tisch. John hatte mit Mühe und Not seine Sinne zusammen genommen, die Rechnung bezahlt und sich auf den Weg gemacht.
Von Laternenpfahl zu Laternenpfahl hatte er sich vorgearbeitet, den einen oder anderen Hauseingang als Rastplatz genutzt, doch hatten ihn die kurzen  Ruhepausen nicht nüchterner gemacht.
Er hatte seinen Magen entleert, aber seitdem schien er vollkommen den Überblick verloren zu haben. Wie sonst hätte ihm das Unglück mit dem Auto passieren können.
Zu allem Überfluss hatte es zu regnen angefangen. So wurde die Nacht immer ungemütlicher. Die verwitterten Backsteinbauten wirkten noch trostloser als am Tage. 
Und als wäre das nicht schon genug, war ihm ein Teufel erschienen. Der schwarze Mann. Ein Schemen, in wallenden Stoff gehüllt, die Augen leuchteten in einem unheilvollen Rot. 
John musste unwillkürlich kichern. Der Teufel. Das konnte nicht sein, schließlich war Mitternacht schon lange vorbei, und der Nebel Londoner Art sprach eher für Vampire als für den Satan.
Sein Körper erbebte vor Lachen, die Vorstellung war einfach zu köstlich. Sein Verdauungstrakt rebellierte, er leerte den Rest seines Mageninhalts in den Rinnstein.
Dann richtete er sich wieder auf, der Teufel kam dichter. Und musste jetzt erst Recht lachen. Was für ein Spinner. Maskiert als schwarzer Mann mit verhülltem Gesicht. Aber was blitzte denn da im Mondlicht?
Der Schmerz in seinem Unterleib nahm plötzlich neue Formen an. Das Lachen verging ihm, als ein heißes Feuer in seinem Magen wütete. 
Urplötzlich war er stocknüchtern. Glühendes Eisen explodierte in seinem Körper zu einem sengenden Schmerz. Seine Kehle füllte sich erneut, doch nicht mit Erbrochenem, metallischer Geschmack ließ ihn würgen und unterdrückte seinen Schrei, verschloss seine Kehle. 
Er wollte den Arm heben, den Angreifer von sich stoßen, doch seine Muskeln gehorchten ihm nicht mehr.
Der schwarze Mann wuchs vor ihm, erschien ihm riesig. Der Angreifer machte eine Bewegung mit seinem Arm und zog das Messer weiter nach oben.
Das Feuer nahm von Johns Körper vollständig Besitz. Ein unbeschreiblicher Schmerz breitete sich von seinem Magen sternförmig in seinem ganzen Körper aus. John blickte an sich herunter. Das Blut floss in Strömen aus seiner Bauchwunde. Das Messer war nicht mehr da.
Mit letzter Kraft presste er seine Hände auf den Bauch und versuchte, den Blutfluss zu stoppen. Da wurde er erst der enormen Größe der Wunde gewahr.
Ihm wurde kalt. Eine unnatürliche Ruhe ergriff ihn. Schweiß trat auf seine Stirn. Er schaute den schwarzen Mann an.
Staunend, überrascht, gar fassungslos. Ja, fassungslos.

Dann kippte er um. Als er auf dem Asphalt aufschlug, lebte er schon nicht mehr.

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