Mittwoch, 13. Mai 2020

Remanenz

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Remanenz (aus Casus Belli und Teutonic Horror und Remanenz)

Torsten Scheib lud mich ein, eine Geschichte zu einer Weltkriegsanthologie beizusteuern. Spontan dachte ich, das ist nichts für mich. Der 2. Weltkrieg ist mir in all seiner Präsenz zu viel. Aber da auch der 1. Weltkrieg in Frage kam, entschied ich mich für eine Geschichte über die Zeit zwischen den Weltkriegen und so erschien Remanenz im Herbst 2010 in dem Buch Casus Belli bei Eloy Edictions. Casus Belli war schon mit Erscheinen ausverkauft und wurde nicht nachgedruckt. Als ich dann im  Dezember 2011 meine Horrorgeschichten in Teutonic Horror sammelte, durfte Remanenz nicht fehlen.
Im Mai 2012 entschloss ich mich etwas neues zu versuchen.Was bei der Musik klappt, könnte ja auch bei E-Books funktionieren und so brachte ich Remanenz als eigenständiger Publikation heraus. Und überraschenderweise gehört  Remanenz  zu den erfolgreichsten meiner E-Books.



Leseprobe:


8.8.1918 Somme, Frankreich

Die Sonne steht hoch am Himmel. Mücken umschwirren meinen Kopf. Ein letzter Biss in einen trockenen Keks, dann ist auch diese Reserve aufgebraucht. Ich kaue langsam und genüsslich, versuche so auch wirklich alles zu verwerten. Der Hunger ist allgegenwärtig, eine herbe Geliebte, die man nicht mehr loswird. Alles ist knapp in diesen Tagen und der letzte Rest an Moral schwindet unaufhörlich.
Ich packe mein Gewehr fester, prüfe den Sitz der Hand­granaten am Gürtel, während ich mich an die kühle Erde presse. Die Erde lebt, zahlreiche Klein- und Kleinsttierchen kreuchen und fleuchen am Boden, doch das nehme ich nur am Rande wahr.
Die Entente ist erstarkt und ich habe Gerüchte gehört, dass sie uns an anderer Stelle zurückgedrängt haben. Das neue Geschütz von Krupp scheint keinen Umschwung gebracht zu haben. Die Offiziere sind unruhig und das haben die Mann­schaften gemerkt. Auch mich steckt die allgemeine Unruhe an und trotz allgegenwärtiger Erschöpfung schlafe ich seit Tagen schlecht.
Ein Gegenangriff steht bevor und angeblich sollen die Engländer rollende Kanonen einsetzen. Tanks, kaum ein deutscher Soldat, dem nicht vor dem Wort schaudert.
Ich rücke meinen Helm zurecht und spähe aus meinem Verschlag in Richtung Frontlinie. Es ist verdächtig ruhig. Zu ruhig.
Dieses gottverdammte Franzosenland. Ich will nach Hause, mir reicht dieser beschissene Krieg. Der Kaiser, Gott hab ihn selig, soll endlich eine Lösung finden. Die Moral der Truppe ist am Boden. Und der allgegenwärtige Hunger …
Ich schaue gen Himmel. Der Mond ist leider nicht zu sehen. Der Mond aus Eis, wie Hörbiger festgestellt hat.
Plötzlich bricht die Hölle los. Ein vielstimmiges Pfeifen, der Einschlag ganz in der Nähe. Es regnet Erde, Holz und Körper­teile. Ich ducke mich, wappne mich gegen Detonationen und Schreie. Befehle werden gebrüllt, ich funktioniere ganz automatisch, lege das Gewehr an, ziele auf einen imaginären Feind, den ich dort weiß, aber nicht sehe und feuere eine Salve. Ganz in meiner Nähe rattert das Maschinengewehr und pflügt die Luft mit seinen bleihaltigen Geschossen.
Ein weiteres Pfeifen, ein ohrenbetäubendes Krachen und es verstummt jäh. Ich will erneut anlegen und schießen, aber eine Kette von Detonationen zwingt mich runter. Erneut regnet es Erde und Schlimmeres. Befehle werden gebrüllt, ein heilloses Durcheinander, Schüsse, Explosionen, wieder Befehle.
Rückzug!
Ich registriere den Befehl erst nicht, mein Nebenmann stößt mich an, winkt mir zu und macht sich schon davon. Ich hetze hinterher und die ganze Kompanie rennt über die weite Ebene, die Beine in die Hand nehmend. Erneut das furchtbare Pfeifen, die kurze Hoffnung, dass die Granate weit genug weg ist, dann explodiert die Welt um mich herum. Die Druckwelle reißt mich zu Boden, mein Gewehr wird in die Erde gerammt, ich lasse es los und schütze mein Gesicht vor dem Sturz. Der Aufprall treibt die Luft aus meinen Lungen. Ich verharre kurz, dann springe ich auf, wohl wissend, dass Bewegung meine einzige Überlebenschance ist.
Ich renne wie ein Hase, während kleine Einschläge rechts und links unsere Reihen dezimieren. Das Rattern der Maschinen­gewehre, die unseren Rückzug decken, wird weniger und ver­stummt bald. Ich ahne Schlimmes. Ein Blick zurück, fast erstarre ich beim Anblick des Tanks, bevor ich wie von Furien gehetzt weiter renne.
Plötzlich hebe ich ab, die Welt ist oben, ist unten, der Krach ist ohrenbetäubend, hart krache ich zu Boden, ein stechender Schmerz im rechten Bein. Stille breitet sich um mich herum aus. Ich liege in einem Erdloch, seltsam abgeschnitten vom Kampfgeschehen. Mein Bein, ein Blick an mir herunter, ich stöhne auf und verdränge, was ich dort sehe. Mein ganzer Körper schmerzt, ist eine einzige Wunde, ich zittere wie Espenlaub.
Hörbiger, der verkannte geniale Wissenschaftler. Der Mond ist aus Eis. Sollte ich jemals an seinen Thesen gezweifelt haben, jetzt ist der Moment, diese Zweifel über Bord zu werfen. Und als würde mir diese Erkenntnis Zuversicht suggerieren, werde ich ruhig. Ich erkenne die Bahnen der Geschosse, welche die Frontlinien kreuzen, ein abstraktes Mosaik, das mich erheitert, auflachen lässt. Der Krieg ist seltsam fern. Ich streife den Schmerz ab wie eine alte Haut, spüre eine tiefe Ruhe in mir entstehen. Ich werde leichter, schwebe über mir, über meinem Körper, steige auf, betrachte die Schlacht, die anrollenden Tanks, die fliehenden Landser, sehe, wie in Scharen deutsche Soldaten niedergemetzelt werden, wie der klägliche Rest sich ergibt.
Ludendorff wird vom schwarzen Tag des deutschen Heeres sprechen. Keine Ahnung, woher diese Erkenntnis stammt, aber sie steht vor meinem inneren Auge, mit einer Gewissheit, die keinen Zweifel zurücklässt.
Ich schwebe weiter empor und blicke in die Ferne, auch dort wird gekämpft, auch dort ist das deutsche Heer auf dem Rück­zug. Ich steige weiter, langsam verlischt das Tageslicht, während ich in höhere, kältere Sphären entschwebe. Über mir leuchtet der volle Mond, sein Eis glänzt und sendet mir seine Botschaft zu: Komm! Komm! Komm!
Ich erinnere mich an Hörbigers Worte, an seine Lehre, die Lehre vom Eis.
Zu Anbeginn der Zeit existierte im Sternbild Taube ein riesiger Stern, der vielfach größer und schwerer als unsere Sonne war. In seiner Nähe befand sich außerdem ein gigantischer Planet, dessen Metallkern von Eisschichten umgeben war. Als dieser Planet in die Sonne stürzte, erfolgte eine gewaltige Dampfexplosion. Aus der ausgeschleuderten Masse entstanden unsere Sonnen und Planeten. Was wir als Milchstraße von Sternen wahrzunehmen glauben, ist in Wirklichkeit ein Ring aus gefrorenem Wasser, der in dreifacher Neptun-Entfernung das gesamte Sonnensystem einschließt, durch dessen Löcher wir vereinzelt Sterne sehen können.
Der Mond besteht ebenfalls aus Eis und wird irgendwann wie seine Vorgänger auf die Erde stürzen. Und es wird erneut eine Sintflut geben. Wie zu Zeiten Noahs, als seine Arche die Menschheit vor dem Untergang rettete. Oder zu Zeiten von Atlantis, des sagenumwobenen Kontinents, der in einer solchen seinen Untergang fand.
Doch das Eis des Mondes ist nicht einfach nur gefrorenes Wasser, dessen bin ich mir sicher. Auch wenn Hörbiger dies nicht erwähnte. Ich spüre, nein, ich weiß es, erlebe es.
Ich schwebe dem Eis entgegen, verharre direkt über der Kruste, dann nähre ich mich von der Substanz, nehme sie in mich auf, spüre, wie mich eine Kraft durchdringt, von jeder Faser meines Körpers Besitz ergreift, mich heilt, läutert, wie Erkenntnis in mir reift. Ja, jetzt weiß ich, was zu tun ist.
Ich muss zurück, den Lauf der Geschichte ändern, um mich zu retten, die Schlacht und das deutsche Volk. Ja, ich muss die Menschheit schützen vor einem Ungemach, vor einem grau­samen Völkermord, vor nie dagewesenem Leid.
Das Eis verwandelt sich, ich verwandle mich. Es ist so weit. Ich mache den Schritt.

Ein Licht, es bewegt sich auf mich zu. Der Lichtbringer!
Er ruft mich, nähert sich mir, ich schwebe ihm entgegen, wir verschmelzen, werden eins.
Eine bessere Welt.
Ja, er hat Recht. Ich sehe die Zukunft, schlimme Bilder, die sich ein­brennen. Leid, unsägliches Leid. Schwadronen, die patrouillieren, will­kürlich Menschen niedermetzeln. Vergewaltigungen, Verstümmelungen, Massenhinrichtungen. Experimente an Menschen, die zu grausam sind, um sie zu beschreiben …
Nein, das darf nicht passieren. Der Lauf der Geschichte, er muss geändert werden …



28.6.1914 Sarajewo, Bosnien

Der große Ballsaal glänzt verlassen in all seiner Pracht. Vorn die großen Flügeltüren, davor der Vorraum, in welchem die Bediensteten die Gäste in Empfang nehmen. Linker Hand die breite Treppe, die ich flott empor husche.
Im ersten Stock orientiere ich mich kurz, der Lageplan der Ört­lichkeit ist mir vertraut und so finde ich den Weg sicher. Durch Flure und Türen wechsele ich zur Westseite des Schlosses. Auch hier ist alles voller Pomp.
Glanz und Gloria, welch eine Pracht, zusammengetragen für wenige, die Spitze einer Gesellschaft, die nach immer mehr strebt und es sich ohne Rücksicht auf Verluste auch nimmt. Ein geschichtsträchtiger Ort. Ein Ort, in dem ein Krieg entstehen wird.
Ich prüfe die Klinke der nächstgelegenen Tür, trete in das Umkleidezimmer der Herzogin von Hohenberg, Sophie von Chotek, ein, sondiere die Lage und atme beruhigt aus. Die Luft ist rein. Schnell schaue ich in dem angrenzenden Raum nach, das gleiche Ergebnis.
Ich betrete den riesigen Kleiderschrank und richte mich in der hintersten Ecke ein. In der Hoffnung, dass meine Informa­tionen stimmen und dies die ungenutzten Kleider sind, mache ich es mir bequem. Und wenn die Herzogin sich doch ent­scheidet, die alten Lumpen zu nehmen? Wenn diese plötzlich doch ganz oben auf der Wunschliste stehen? Selbst wenn sie damit nur dem Wunsch ihres Gemahls Franz entspricht?
Ich verdränge die düsteren Gedanken. Hörbiger, ich vertraue dir. Das Eis ist mit mir.
Ich hole den Revolver hervor, prüfe die Gängigkeit der Trommel. Dann heißt es warten.

Stunden später, meine Glieder schmerzen, immer wieder reibe ich die Muskeln, strecke mich. Als Soldat bin ich in Geduld geübt und im richtigen Moment hellwach. Doch das Knarren der Tür reißt mich aus der Tiefe meiner Gedanken und ich brauche etwas, um mich zu orientieren. Eine helle Stimme er­klingt, eine zweite gesellt sich dazu. Es dauert nicht lange, die Schritte kommen näher, verharren, gehen weiter, bevor sie er­neut verstummen und sich wieder nähern.
Mein Herz schlägt bis zum Hals. Ich hebe den Revolver, zu allem bereit, angespannt wage ich kaum zu atmen. Der Schrank öffnet sich, glücklicherweise am anderen Ende. Mir fällt eine Last von den Schultern, trotzdem bleibe ich wachsam.
Die beiden weiblichen Stimmen schnattern aufgeregt, wie Weibsvolk dies gewöhnlich tut. Die Kleiderfrage zieht sich und meine Geduld wird aufs Äußerste strapaziert. Ein Rascheln, ein neues Kleid wird herausgenommen, das vorherige aufgehängt, während die ältere Zofe – zumindest scheint sie der Stimme nach zu urteilen nicht sonderlich jugendlich – ungeniert über die Vorzüge und Nachteile des serbischen Thronerbens re­feriert, in einer Offenheit, die an anderer Stelle eine sofortige Exekution nach sich gezogen hätte.
Die helle Stimme – befehlsgewohnt, das hört man – der Herzogin erwidert, stimmt zu, ohne sich wirklich festzulegen, weder zur Meinung zum Verlobten, noch zur Kleiderfrage, ein unstetiges Hin- und Herpendeln. Meine Nerven werden strapaziert, irgendwann geht die Zofe, das Ins-Schloss-Fallen der Tür kündet ihren Abgang und schneidet ihre Abschieds­worte ab.
Ich höre die Herzogin herumlaufen, leise vor sich hin murmelnd, dann öffnet sich erneut die Tür. Doch es ist nicht die Zofe.
„Franz!“, folgt ihr freudiger Ausruf und jeder Zweifel scheint verflogen. Rascheln und Schmatzen lässt mich erahnen, was draußen vor sich geht. Ich denke an Hörbiger, die Eisweltlehre, den Lichtbringer, doch werden die Laute jenseits des Holzes eindeutiger, hemmungsloser, lauter. Immer wieder kehrt meine Phantasie zurück und malt sich die Bilder zu den Geräuschen aus. Womit nur habe ich das verdient?
Plötzlich knarrt die Tür, ganz leise, fast übertönt von den heftiger werdenden Geräuschen. Schnell öffne ich die vor mir liegende Schranktür. Sie springt auf und ich aus dem Schrank, die Situation aufnehmend.
Da der Thronerbe Erzherzog Franz Ferdinand im Liebesspiel mit seiner Angetrauten, dort der Attentäter, die Pistole schussbereit erhoben.
Keine Sekunde zu spät.
Ich ziele und drücke ab. Zweimal. Zwei solide Treffer in die Brust. Der Attentäter schwankt, lässt die Waffe sinken, schaut mich ungläubig an. Ich schieße erneut, sein Kopf platzt wie eine reife Frucht. Blut, Hirn und Knochensplitter fliegen durch die Luft, die Herzogin schreit entsetzt, während sie ihre Blöße bedeckt.
Der Attentäter liegt tot am Boden, meine Mission ist beendet. Ein letzter Blick auf den Thronerben und die kreischende Sophie, dann mache ich mich aus dem Staub.
Der erste Schritt ist getan, der Erste Weltkrieg verhindert.

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