Samstag, 9. Mai 2020

Schwarz wie Blut

Ein Haufen Geschichten haben sich im Laufe der Zeit angesammelt. Geschichten  verschiedenster Genres, verschiedenster Art. Zeit genug, die Geschichten Stück für Stück zu präsentieren:
Schwarz wie Blut (aus Odem des Todes und Teutonic Horror)

Alisha Bionda hatte die Idee eine Anthologie zu Edgar Allan Poe zu veröffentlichen. Allerdings nicht die handelsübliche Geschichten im Stil von, sondern eine wie ich finde, sehr fruchtbare Idee. Erzählt eine Geschichte aus dem Leben von Edgar Allan Poe und herausgekommen ist eine wundervolle Anthologie, erschienen bei Voodoo Press, einer der vielen Verlage, die mittlerweile ihre Pforten wieder geschlossen haben.
Meine Geschichte bringt Poe mit seinem Bruder zusammen und kam in der Leserschaft ausgesprochen gut an.   Das Buch erschien im Oktober 2011. Odem des Todes ist leider nicht mehr erhältlich.


2. August 1831
Edgar schaut auf die ferne Silhouette von Baltimore. Die Stadt ist ein Moloch und beginnt ihn zu schlucken. Er spürt förmlich den Sog, den sie entwickelt. Einen Sog, der ihn in den Abgrund reißt, so befürchtet er. Und diese Befürchtung scheint nicht unbegründet zu sein.
Er zieht weiter seine Bahn, schwimmt vor der abgelegenen Küste. Das Wasser ist kühl, aber das stört ihn nicht. Er ist hierhergekommen, um sich ein wenig zu verausgaben, die Last, die auf seiner Seele lastet, durch körperliche Aktivität abzumildern. 
In der letzten Zeit haben sich die Ereignisse überschlagen und ihm nicht zum Vorteil gereicht.
Baltimore.
Die Stadt sollte ein Neubeginn sein. Der Brief seines Bruders William Henry Leonard hatte den Ausschlag gegeben und er war ohne lange nachzudenken aufgebrochen, hatte seine Ver-gangenheit hinter sich gelassen und hoffnungsfroh in die Zukunft geschaut. 
Ein Trugschluss.
Was so viel versprechend begonnen hatte, schlug vor einer Woche plötzlich um. William starb, doch es war nicht allein der Tod des geliebten Bruders, der ihn so tief traf, ihn in Depression verfallen ließ. Die besonderen Umstände ließen ihn bis ins Mark erschauern, erfüllten ihn mit Furcht.
Er durchpflügte die Fluten, kraulte wie ein Besessener, wäh-rend seine Gedanken zurückkehren. Zu dem Zeitpunkt, als er den Irrweg ohne Umkehr betrat. Als das unvorstellbare Grau-en begann.
Dabei begann es so hoffnungsfroh.

17. Juni 1831
Lieber Edgar,

seit meinem letzten Brief ist einiges an Zeit ins Land gegan-gen, doch ein Artikel im Southern Literary Messenger brachte mir Dich nachhaltig in Erinnerung. Mit Entzückung las ich vom Erscheinen Deines Poems. Diese erste Kritik ist sehr hoffnungsfroh und macht Mut für die Zukunft. Ich denke, die Chancen stehen gut und wenn Du weiter diesen Weg konse-quent beschreitest, steht einer großen literarischen Karriere nichts im Wege. 
Doch dies ist nicht mein eigentliches Anliegen. Es ist ein düsterer Schatten, der über mich fällt und immer länger wird. Eine bedrohliche Schwärze, die von meinem Gemüt Besitz ergreift und jegliche Hoffnung in weite Ferne rückt.
Diese bedrohliche Schwärze ist nicht so schwarz und dicht, wie es auf den ersten Blick erscheint. Nein, sie verbirgt glit-zernde Sterne, die hinter dieser dunklen Wolke mit unglaubli-cher Helligkeit erstrahlen. Glitzernde Sterne, einem Schatz gleich, den ich, so bin ich mir sicher, nur mit Deiner Hilfe heben kann. Nur wir sind in der Lage, diesen Schatz zu heben. Unsere Fähigkeiten ergänzen sich und werden uns zu einem grandiosen Erfolg verhelfen. Trotz aller Schwierigkeiten, die auf unserem Wege liegen werden.
Du wunderst Dich über meine nebulösen Andeutungen? 
Glaub mir, ich würde mich klarer ausdrücken, wenn es mir nur möglich wäre. Aber jedes geschriebene Wort würde Deiner Verwirrung nur noch größere Ausmaße verleihen, daher erbitte ich dringend Dein Kommen.
Es wird Dir nicht zum Nachteil gereichen. Ich bin einer Sache auf der Spur, die groß und gewaltig ist und unbeschreibliche Möglichkeiten bietet.
Lass stehen und liegen, womit Du Dich auch gerade beschäf-tigst! Komm sofort hierher! Die Kosten für die Reise erstatte ich Dir bei Ankunft. 
Beeile Dich! Die Zeit drängt. Denn wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. 

28. Juni 1831
Seine Angelegenheiten zu jenem Moment, als er den Brief erhielt, waren dergestalt, dass ein sofortiger Aufbruch nicht nur möglich, sondern gar erwünscht war. Unerträglich waren die letzten Wochen gewesen und so waren Williams Worte auf fruchtbaren Boden gefallen. Er hatte sich umgehend auf die Reise gemacht. John Allan hatte sich nach einem letzten großen Streit dazu bereit erklärt, ihm die Reisesumme vorzu-strecken, in der Hoffnung, den ungeliebten Stiefsohn endlich und für immer aus den Augen zu haben. 
Die Reise von Charlottesville nach Baltimore war anstrengend und langweilig. Teils nutzte er die Pferdekutsche, teils das neue Beförderungsmittel Eisenbahn. Letzteres wurde stellen-weise ebenfalls von Pferden gezogen, traute man den dampf-getriebenen Ungetümen namens Lokomotive noch nicht überall über den Weg. Fortschritt war nicht jedermanns Sache und so bildeten sich entsprechende Lager, die mit einer Viel-zahl an Meinungen und Argumenten bestückt, den ein oder den anderen Weg propagierten. 
Also befanden sich überall dort, wo Eisenbahnlinien entstan-den, das Pferd und die Lokomotive im immerwährenden Wettstreit. Dies sollte sich bald ändern und Edgar war sicher, dass sich die Lokomotive zumindest für große Beförderungs-mengen sowie für weite Entfernungen durchsetzen würde.
Endlich hatte er den Ort des großen Hauses, so die Bedeutung des ursprünglich irischen Namens der Stadt, erreicht. Er un-ternahm einen Spaziergang und bewunderte den gewaltigen Hafen und die geschäftigen Massen, welche die Straßen be-völkerten. Baltimore lebte und er spürte, es war die richtige Entscheidung, dem Ruf seines Bruders zu folgen. Hier entwi-ckelte sich etwas.
Er beendete seinen Rundgang und machte sich daran, das Ziel seiner Reise aufzusuchen.
Ein Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus. Er konnte es kaum erwarten, William wiederzusehen. Doch wenn er ehrlich zu sich war, konnte er es noch weniger erwarten, endlich Licht in die nebulösen Andeutungen zu bringen.
Von freudiger Erregung erfasst betätigte er die Klingel.

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